top of page

Überschöne Menschen und die Technokinder Tel Avivs

Aktualisiert: 29. Nov. 2023







 

Am Strand von Tel Aviv, der wahrscheinlich teuersten Stadt des Landes, hat der hard body sein Recht beansprucht. Sicher findet man, wie graue und schwarze Körner im sonst weißen Sand, heldenhaft ausharrende, alte, dicke, schwabblige, bleiche, hängende Leiber. In umgekehrter Proportionalität zum Rest der supermarktverseuchten Sonstwelt bilden sie hier, am Strand einer kilometerlangen Promenade, eine überauffällige Minderheit. Jene “soft bodies” sind nur die unheilige, aber notwendige Kontrastfolie zu der Armee von Sandjoggern, straffen Gym-Sharks, schulterstarken Geräteturnern, orangenarmen Hinterteilen, obszön-minimalistischer Bikinis.


Männliche Blicke verfolgen Lolitas in Strings, weibliches Bindegewebe brät vor sanften Mittelmeerwellen in heißer Nachmittagssuperstrandsonne vor sich hin. Hier wird so viel gezeigt wie nötig (das heißt: fast alles), mit so wenig wie möglich (das heißt: fast nichts). Das Begehren fließt stromschnellenhaft um die Stühle, durch schattenspendende Pavillons, hohe Barhocker und selbst die — ungewöhnlich sauberen — Toiletten.


Kein Beobachter kann dabei neutral bleiben. Jeder noch so kleine Körperkomplex, jede mikroskopische Unsicherheit zerrt dieser Ort unter seine Lupe und vergrößert sie mit tausend Sixpacks, fettreduzierten Hüften und unflätig großen Designerbrillen. Wer seinen Körper je gehasst hat, will hier nicht weniger als im ruhigen Salzwasser des Banana Beach ersaufen: still, ungerettet, damit der glorifizierte Bademeister sich beim Wiederbeleben nicht ekeln muss, wenn er Philadelphia-farbige Hautlappen zurück ins Leben knetet.


Eine der Pointen: Nirgendwo im auserwählten Land gibt es mehr Singles.(1,2) All die schönen Menschen leben für sich und teilen ihre zurecht geschmirgelten Bewegungsapparate vorzugsweise als Visitenkarte ihrer Fuckability. Telefonnummern sind meist falsch, Mailadressen fake.

In der Stadt der überschönen Menschen wird viel gevögelt und wenig geliebt, geschweige denn geheiratet. (3)


Daraus mag sich auch die Vielzahl der Hunde erklären, die hier allenthalben Gassi geführt werden. Große Burenbullen, winzige Minispitze, fast nackte Windhunde und in diesem Klima grausam vollfellige Huskys hecheln an den langen Leinen für lange romantische Spaziergänge, so oft wie möglich, da sie sonst in durch astronomische Quadratmeterpreise geschrumpften Wohnungen schnell einen Lagerkoller bekämen. Sklavische Treue, die hineingezüchtete Abhängigkeit solch tierischer Begleiter dient, so würde es einem Lifestyle-Hobby-Psychologen vielleicht einfallen, wozu sonst als: der Kompensation.

Getrieben vom punktgenauem Regime proteinbedürftiger Münder, die auf Selfies gut aussehen wollen, sich aber durch Displayglass nicht küssen lassen, bevorzugt man einen Begleiter, der weder bewertet noch mangels Hirnkapazität und Sprachunfähigkeit bewertet werden kann. Das gute Leben mit dem Hund hängt von seiner guten Erziehung ab – und vom nötigen Kleingeld für zuverlässige Dog-Sitter, die hier mit sich ineinander verwirrenden Langlaufleinen durch die Straßen irren.


Mit diesen Voraussetzungen wundert man sich, dass diese Stadt der überschönen Menschen überhaupt Kinder gebiert. Aber: Sie tut es. Und wenn sie es tut, hat deren Sozialisation etwas ähnlich Ungewöhnliches wie der beschriebene Promenadenkult. Erziehung, von der man als Außenstehender wie beim Eisberg immer nur die Spitze sieht, hat in Tel Aviv eine eigene Art entwickelt, wie ich sie bisher noch nirgends erlebt habe.


An einem der Abende lotste der Booking.com-Gastgeber mich und meine Frau auf ein sogenanntes „Food-Festival“, welches unter dem Titel “Eat Tel Aviv” firmierte. Zu zweit betraten wir das Gelände und schnell wurde klar, dass es ein riesiger Park war, in dem man um die 100 Stände aufgebaut hatte. Chinesische Dim Sum, griechisches Gyros, amerikanische Burger, israelische Pitot, drusische Weinblätter. In Schlangen drängten sich Dutzende hungrige Menschen. Familien saßen auf dem semi-natürlichen Rasen; hinter sonstigen Theken verkauften Kleinproduzenten ihre Souvenirs. Großproduzenten von Wein, Bier und Spirituosen ließen auf LED-Wänden ihre Werbespots laufen. Die gesamte Kulisse war grundiert von Beats, die von einem Basstower meterhoher Lautsprecher den umfunktionierten Park fluteten. Hebräische Popsongs mischten sich wild mit orientalischen Rhythmen. Eine DJane mit buntem Irokesenschnitt thronte mit MacBook und Mischpult über der sich im Zentrum taktvoll bewegenden Menge gebogener Hände und kreisender Hüften.


Auf einem etwa 1,5 Meter hohen Podest sahen wir eine miniaturisierte Kinderhorde. Unten die Eltern mit den Buggies, oben die zwischen 3- und 10-Jährigen, wie sie im Beat wippten. Frühe Techno-Sozialisation jenseits aller Schlafenszeiten stand auf dem Programm.

Die vorjungendlichen Beinchen absorbierten in feinen Adern den Puls der Stadt. Bald würden sie durchs Nachtleben schwimmen wie Fische durch Wasser. Ein Stockwerk tiefer filmten die stolz amüsierten Eltern, was sich oben auf der Nachwuchsplattform abspielte. So dokumentierten sie die Einschrift der Clubkultur in die Synapsen ihrer Schutzbefohlenen und kamen dadurch, mag es auch paradox klingen, einem wichtigen Teil ihrer Fürsorgepflicht nach.



Wenn, wie der angebliche Volksmund behauptet, in Haifa gearbeitet, in Jerusalem gebetet und in Tel Aviv gefeiert wird, dann laborieren die Technokids der überschönen Menschen an der nationalen Identität Israels.

Sie sind mehr als das Lokalkolorit eines verfrühten Hedonismus. Sie sind der tanzende Beweis einer frühlingshügelhaften Heiterkeit, welche einer erwachsenen Orthodoxie abgeht, die mit ihrem engstirnigen, familienzentrierten Religionskonservatismus das meiste ablehnt, was sich der Welt öffnen will.(4)


Die Technokids der überschönen Menschen sind außerdem Ausdruck eines heilsamen Trotzes gegen die Theokratien in der Nachbarschaft, für die das kleine Land nur den jüngeren Bruder des „großen Satans“ USA darstellt. Dereinst werden sie eines der größten Atomraketenarsenal der Welt erben.(5)


Aus deutscher Sicht sind sie eine Augenfreude. Ich wünschte, sie könnten auf allen Holocaustdenkmählern der Welt tanzen. Nicht aus Respektlosigkeit, sondern als Zukunfts-Ja eines so modernen wie widersprüchlichen Staates Israel.

 

(1) https://www.ynetnews.com/article/sk8y5jhco

(2) https://www.jpost.com/israel/cbs-report-44-percent-of-tel-aviv-women-ages-30-34-are-single

(3) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6241021/

(4) Relevance of the Circumplex Model to Family Functioning Among Orthodox Jews in Israel | The New School Psychology Bulletin (nspb.net)

(5) https://www.forbes.com/sites/emilywashburn/2023/02/24/russia-has-the-most-nuclear-weapons-in-the-world-here-are-the-other-countries-with-the-largest-nuclear-arsenals/?sh=e8650cf93001

58 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Gugys Public House

Comments


bottom of page