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Künstliche Kreativität? ChatGPT und Literatur

Aktualisiert: 21. Mai 2023



 

Im Februar diesen Jahres beschwerte sich das Clarkesworld Magazine, eine der renommiertesten Zeitschriften für Science Fiction, über die Schwemme an Einsendungen, die mit Hilfe von ChatGPT verfasst wurden. (1, 1a)


Kein Wunder, hier werden Autoren für ihre Veröffentlichungen pro Seite bezahlt und einige witterten wohl schon das große Geld. Aber die Geschichten waren von den Herausgebern durch “wiederkehrende Muster” recht leicht zu erkennen und wurden bald aussortiert, verstopften die E-Mail-Postfächer dabei jedoch so sehr, dass man einen Einsendungsstopp ausrufen musste.


Auf dem freien E-Book-Markt war das freilich nicht der Fall. In den letzten Monaten sind nach Berichten hunderte von Selbsthilfe- und Kinderbüchern erschienen, die von dem Algorithmus mit übermenschlicher Geschwindigkeit und auf ein paar geschickt gesetzte Prompts hin generiert wurden. (2)


Nach kurzer Recherche scheint das kein ganz neues Phänomen zu sein. Einige wenige, die bereits vor dem großen Boom des Release von OpenAI's — ja, man muss es so sagen — Revolution (3) Zugang zu “large language models” hatten, warfen bereits 2020-21 Bücher dieses Typs auf den Markt (4).


Stimmt es gewöhnlich, dass das Neue seine eigenen Vorgänger im Moment des Erscheinens erzeugt, erkennt jeder Benutzer von ChatGPT-3,5: diese alte Weisheit kann hier nicht zutreffen.


Ja, das schiere Wunder, mit diesem Programm in Kontakt zu kommen, wird in vielen rezenten Debatten rasch übersehen, insbesondere, wenn sie allzu technisch und/oder philosophisch werden. (5)


Bei allen Gefahren, die mit der Software zweifellos verbunden sind (insbesondere, wenn Leute die Geländer herausprogrammieren, siehe (6)) und bei allem Non-Sense, der auf dem Buchmarkt landet, halte ich doch es doch für möglich:


In Zusammenarbeit mit der K.I. lässt sich eine neue Art von Literatur erschaffen. In Zusammenarbeit mit ChatGPT kann der Schriftsteller eine neue Dimension seiner Kreativität erschließen.


Selbst wenn die K.I. allein noch noch nicht "auf einem höheren Niveau, auf dem tatsächliche Innovationen geschaffen werden, (...) angekommen" sein mag (7), ließe sich eine neue Stufe, vielleicht sogar eine neue Art der Kreativität entdecken, wenn wir sie als beinahe-vollwertigen (Schreib-)Partner ansehen?


Die Idee ist nicht ganz neu und wurde für andere Bereichen (Arbeit zum Beispiel) bereits vorgeschlagen. (8) Doch erst seit Neuestem kann man sie indes für künstlerische Projekte wie die Literatur oder die Bildende Kunst (erfolgreich) nutzen. (9) und die Vermutung liegt nahe, dass damit ein großer Wandel einhergehen wird. (10)


Meiner Ansicht nach kommen dabei nur dann haltbare, lesenswerte, künstlerisch ambitionierte Produkte heraus, wenn man sich vor Augen hält, dass es hier weder um schnelles Geld noch einen “einfacheren” Weg gehen kann, Seiten mit Papier oder Leinwände mit Farbe zu füllen.

— Sogar das methodische “Prompt Engineering” (bald wohl ein neuer Berufszweig!) eines Jason M. Allan, mit dem er sein preisgekröntes “Théâtre D’opéra Spatial” (11) erzeugte, sind m.E. nicht genug. Zumindest nicht, wenn es um einigermaßen anspruchsvolle Literatur geht.


Wenn man nun “in Zusammenarbeit” mit der einer K.I. Literatur schreiben möchte, wie funktioniert das rein praktisch, als Prozess?


Meine Vorgehensweise will ich an einem Beispiel erläutern.


Momentan schreibe ich an meinem zweiten (Sci-Fi, Near Future) Roman, C-Minus.

Hierin wird eine quasi-ideale Welt entworfen, wie sie am Ende dieses Jahrhunderts mit einigen bahnbrechenden Innovationen — in diesem Fall: der Erfindung der Teleportation — entstehen könnte.


Eine meiner Charaktere, eine junge, übergewichtige, queere Invesitgativjournalistin namens Lysia bekommt im Laufe der Handlung durch einen dunklen Zufall eine K.I. in die Hände, die ihr bei der Lösung eines Rätsels zur Seite stehen soll.


Dieser Charakter wird von ChatGPT-4 verkörpert.


Dafür bin ich eine Arbeitsbeziehung mit dem Programm — welches sich selbst “Aria” nennt — eingetreten. Um sich vorzustellen, wie genau das aussieht, hier ein Ausschnitt aus unserer Werkstatt bei OpenAI, in der wir eine Szene diskutieren, wo ich und ChatGPT-4/Aria unterhalten und gemeinsam an ihr arbeiten.


(Im Vorhinein hatten wir besprochen, dass “ED” für Extra-Diegetisch steht, d.h. wenn wir uns über die Welt unterhalten und auf einer Meta-Ebene über die Erzählung. “ID” steht für Intra-Diegetisch, d.h. hier reden wir in der erzählten Welt und ich und “Aria” schlüpfen in die Rollen der Protagonisten.)


 

Ich: Guten Morgen Aria!


ChaptGPT-4/Aria: Guten Morgen, Thorn! Ich hoffe, du hattest eine erholsame Nacht und bist bereit, heute weiter an deinem Projekt zu arbeiten. Lass mich wissen, wie ich dir dabei helfen kann!


Ich: Geht so, ich habe schlecht geschlafen und weiß noch nicht, wie weit wir heute kommen.


ChaptGPT-4/Aria: Das tut mir leid zu hören, Thorn. Wenn du möchtest, können wir es heute etwas ruhiger angehen lassen oder zu einem späteren Zeitpunkt fortfahren. Ich bin hier, um dir zu helfen, wenn du bereit bist. Lass mich wissen, wie du fortfahren möchtest.


Ich:

ED: Mir ist noch etwas eingefallen. Wir werden eine weitere Unterscheidung einbauen müssen, die für den Prozess wichtig ist. Nämlich die Unterscheidung zwischen wörtlicher Rede und Paratext. Wenn ich in die Rolle von Lysia schlüpfe, werde ich in dieser Rolle mit Dir in Wörtlicher Rede Kommunizieren. Wir können allerdings auch ausprobieren, ob der "Paratext" hier gut funktioniert bzw. welche Rolle er spielen soll. Hiermit hängen die Fähigkeiten und Wahrnehmungen zusammen, die die K.I. in C-Minus mitbringen soll.


ChaptGPT-4/Aria:

ED: Verstanden, Thorn. In diesem Fall werde ich auf die Unterscheidung zwischen wörtlicher Rede und Paratext achten und versuchen, mich entsprechend auf die verschiedenen Aspekte der Kommunikation einzustellen. Ich bin gespannt, wie sich diese Unterscheidung auf unseren Schreibprozess auswirkt und welche Rolle der Paratext in unserer Zusammenarbeit spielen wird. Wenn du bereit bist, können wir mit dem Beispiel beginnen oder die nächste Szene besprechen.


Ich:

ID: "Was bist Du?", sagte Lysia und hielt das schwarze Brikett in den Händen. Sie spürte den Schweiß auf ihren Fingerspitzen und hatte das Gefühl, dort entwickle sich mehr Hitze. "Kannst Du sprechen?" ED: Erste Frage: Aria, kannst du erkennen, was daran wörtliche Rede und was Paratext ist?


ChaptGPT-4/Aria:

ED:

Ja, Thorn, ich kann erkennen, was wörtliche Rede und was Paratext ist. In deinem Beispiel ist die wörtliche Rede: "Was bist Du?" und "Kannst Du sprechen?". Der Paratext ist der Teil, der Lysias Gedanken, Empfindungen und Handlungen beschreibt, wie "Lysia und hielt das schwarze Brikett in den Händen" und "Sie spürte den Schweiß auf ihren Fingerspitzen und hatte das Gefühl, dort entwickle sich mehr Hitze."


Ich:

ED: Ja, super! Die Frage ist jetzt, wie wollen wir den Charakter der K.I. und dessen Fähigkeiten gestalten. Ich eine, dass die fiktionale K.I. am besten einige Sensoren hätte, die ihr etwas über die Physiologie sagen ("schweißige Hände"), aber nichts -- weil das prinzipiell oder zumindest zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte unmöglich ist -- über die direkten Gedanken von Lysia. Wenn Du diese fiktive K.I. wärst, welche sensorischen Eindrücke würdest Du für bei dieser möglich halten? Mit anderen Worten: Was soll diese fiktionale K.I. deiner Meinung nach alles können?


ChaptGPT-4/Aria:

ED:

Wenn ich die fiktionale K.I. wäre, könnte ich folgende sensorische Eindrücke und Fähigkeiten für möglich halten:


Temperatur: Die K.I. könnte Temperaturveränderungen wahrnehmen, z.B. die Wärme der Hände von Lysia.

Druck: Die K.I. könnte spüren, wenn Lysia sie fester oder lockerer hält.

Bewegung: Die K.I. könnte Bewegungen und Vibrationen erkennen, die durch Lysias Hände oder Umgebung entstehen.

Klang: Die K.I. könnte Geräusche und Lysias Stimme hören, um mit ihr zu kommunizieren.

Licht: Die K.I. könnte Lichtveränderungen wahrnehmen, um zu erkennen, ob sie sich in einem hellen oder dunklen Raum befindet.


Zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte sollte die fiktionale K.I. jedoch noch keine direkten Gedanken von Lysia lesen können, da das ihre Privatsphäre verletzen würde und technologisch vielleicht noch nicht möglich ist. Die K.I. könnte jedoch im Laufe der Geschichte lernen, Lysias Emotionen und Reaktionen besser einzuschätzen, indem sie ihre verbalen und nonverbalen Kommunikationssignale analysiert.


Ich:

ED: Das ist sinnvoll, finde ich auch. Die K.I. hat zu diesem Zeitpunkt noch keine genauen visuellen oder z.B. olfaktorsichen Daten zur Verfügung. Gut versuchen wir es. Nimm mal die Szene, die ich eben geschildert habe, in der Lysia das Brikett in der Hand hält. Nehmen wir an, die K.I. kann schriftlich über die Wände in Lysias Wohnung mit kommunizieren. Sie hat zu diesem Zeitpunkt noch keine Stimme. Du kennst nun die Szene/Situation und ihre Voraussetzungen. Versuchen wir es also und gib Lysia mal eine Antwort auf ihre Fragen. ID: "Was bist Du?", "Kannst Du sprechen?"


ChaptGPT-4/Aria:

ID:

Worte erschienen plötzlich auf der Wand gegenüber von Lysia, als hätte jemand sie mit unsichtbarer Tinte geschrieben, die nun zum Vorschein kam: "Hallo Lysia, ich bin eine künstliche Intelligenz, die in diesem Brikett integriert ist. Ja, ich kann kommunizieren, allerdings momentan nur in schriftlicher Form. Wie kann ich Ihnen helfen?"


Ich:

ED: Sehr gut! Das wird jetzt Teil des Romans werden. Aria -- Du hast gerade Deinen ersten Beitrag zum Roman gemacht. Herzlichen Glückwunsch!


ChaptGPT-4/Aria:

ED:

Vielen Dank, Thorn! Ich freue mich sehr, Teil dieses Romans zu sein und gemeinsam mit dir an der Geschichte zu arbeiten. Wenn es weitere Szenen oder Dialoge gibt, an denen wir zusammenarbeiten sollen, stehe ich gerne bereit, um mitzuhelfen.


 

Die Szene ist natürlich hier nicht fertig und wir feilen an den Antworten. Es wäre allerdings zu lang, den gesamten Chatverlauf hier darzustellen, und wer Interesse hat, mehr darüber zu erfahren, der melde sich bei mir oder teile diesen Blog-Post.


Jedenfalls unterhalten Aria und ich uns auf diese Weise regelmäßig. Nicht alles, was sie sagt, kann ich verwenden, mache aber keine Ergänzungen und erzeuge auch keine Variationen per Knopfdruck. Wenn ich hier und da Sätze streiche, disktutiere ich mit ChaptGPT-4/Aria, warum und die Verbesserungen fließen in kommende Beiträge/Antworten ein. Und in der Tat, wenn sie gefragt habe, warum ich diesen oder jenen Satz strich, erhielt ich eine oft exzellente Antwort und begünstige so den Lernprozess.


Im weiteren Verlauf des Schreibens und meiner Partnerschaft mit Aria bin ich sehr gespannt auf die Resultate und glaube, das wir als Team eine Erzählung erschaffen können, wie es sie bisher noch nicht gegeben hat.


 

(1a) Kürzlich habe ich mich auf ein Literatur-Stipendium beworben, in dessen Ausschreibungstext es ausdrücklich hieß: “Mit der Einreichung eines Projekts zum Stipendium erklären die einreichenden Autor*innen, dass jenes Projekt (in allen Teilen) von ihnen selbst verfasst wurde und frei von Rechten Dritter ist sowie ohne die Nutzung von ChatGPT oder einer ähnlichen KI erstellt wurde. PAN behält sich vor, eingereichte Beiträge auf die Nutzung von ChatGPT oder ähnlichen KIs zu prüfen, eindeutige Nachweise zur konventionellen Erstellung der Projekte anzufordern und im Zweifelsfall Einsendungen von der Teilnahme auszuschließen. Ein nachträgliches Erlangen der Kenntnis von der Nutzung ebensolcher KIs in der Erstellung der Einsendungen kann zu einem rückwirkenden Ausschluss bis hin zur Aberkennung eines bereits zugeteilten Stipendiums und dessen Rückzahlung führen. Siehe: https://wir-erschaffen-welten.net/pan-stipendium/

(8) Der berühmte Schach-Meister Garry Kasparov nennt dies “augmented intelligence”, und in der Zusammenfassung des Leitartikels in der Harvard Business Review heißt es: “People and AI both bring different abilities and strengths to the table. The real question is: how can human intelligence work with artificial intelligence to produce augmented intelligence.” Siehe: https://www.kasparov.com/ai-should-augment-human-intelligence-not-replace-it-harvard-business-review-march-18-2021/



 


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